PYRAMIDION – 2011




PHRENOLOGIE & PYRAMIDEN VON GIZEH

Die Wiederentdeckung des Alten Ägyptens im 18. Jahrhundert ebnete den Weg für eine Archäologie, die über viele Phasen der Mittelmäßigkeit, die die konventionellen Wissenschaften durchzog, hinausgehen musste, und die Tür für eine vollständige Systemanalyse von Sprache, Kultur, Technologie und der Verwaltung einer ganzen Zivilisation öffnete. Es waren Napoleons Wissenschaftler, die die Grundsteine für die moderne Ägyptologie legten – ungefähr zur gleichen Zeit, als der Kaiser die Phrenologie als Pseudowissenschaft, wie sie bis heute gesehen wird, anprangerte. Es ist nicht frei von Ironie, dass die Ägyptologie immer noch mit mystischen Tendenzen in Verbindung gebracht wird, wohingegen viele Annahmen der Phrenologie in der gesamten Gesellschaft anerkannt waren. Diese Pseudowissenschaft verlor im postrevolutionären Frankreich an Popularität aufgrund der vorherrschenden sozialen Bedingungen, fiel jedoch auf fruchtbaren Boden in England, wo die Regierung Klassenstrukturen und koloniale Expansion propagierte. Genau in dieser Atmosphäre – während gewisse Kreise der wissenschaftlichen Gemeinde geradezu geistige Radschläge vollführten, um die kaukasische Abstammung der Pharaonen nachzuweisen – schlossen Napoleons Wissenschaftler als selbstverständliche Folgerung auf eine afrikanische Abstammung. (Ramses II war zufälligerweise ein besonders bekannter Pharao, dessen Körper hohe Mengen an Melanin aufweisen würde).


„Okkult“ bedeutet „vor dem Auge versteckt“ und ist ein Begriff, der mit jeglichem Wissen, jeder Gesellschaft und jeder Idee assoziiert werden kann, welche nicht einfach mit bloßem Auge wahrgenommen werden können. In dieser Hinsicht ist die Existenz des Atoms gleichermaßen ein Produkt des Okkulten wie auch der Wahrsagerei – für den Betrachter ist dessen Realität eher eine Sache des Glaubens. Und so wurde im 19. Jahrhundert die Verschmelzung von Romantik und wissenschaftlicher Ratio in Pyramiden, Obelisken, Dreiecken und Trapezen symbolisiert – Formen, die wiederkehrende Motive innerhalb der Aufklärung darstellten, zu einem Zeitpunkt in der Geschichte, an dem Gelehrte unter Menschen, die fremde Religionen hatten, auf höhere Mathematik stießen. Es handelt sich um geometrische Formen, die in ihrer mathematischen Umsetzung eine zugrunde liegende Logik aufweisen, welche die Symmetrie innerhalb ihrer Beschränkungen in der Realität erklären könnte. Das Pyramidion – die obersten Steine einer Pyramide – ist ein Paradox dieser speziellen Realität. Das Pyramidion vervollständigt die Pyramide, indem es den obersten Abschnitt der gesamten Konstruktion bildet, während es zugleich eine maßstäblich verkleinerte Version des eigenen Ganzen ist, das heißt eine Miniaturpyramide. Die drei in der Ausstellung gezeigten Pyramiden können auf diese zwei Arten verstanden werden: Sie sind maßstabsgetreue Modelle der Gizeh Pyramiden – also der gesamten Struktur – und zugleich lebensgroße Modelle der entsprechenden Pyramidions. Die Beziehung zwischen der Form des Kopfes und der Form einer Pyramide manifestiert sich genau darin: Der Widerspruch der Form liegt in ihrer Fähigkeit der Proportionalität, die über jeden Versuch ihr Wesen zu erklären, hinausgeht.


HAYDN, MATA HARI & RAMSES II


Der österreichische Komponist Joseph Haydn (1732 – 1809), die niederländische Exotiktänzerin Mata Hari (1876 – 1917) und der ägyptische Pharao Ramses II (1303 -1213 v.Chr.) teilten nach ihrem Tod ein gemeinsames Schicksal: Ihre Körper wurden Gegenstand postmortaler Enthauptung. Der Schädel des ägyptischen Pharaos Ramses II wurde wahrscheinlich unbeabsichtigt im Prozess der Mumifizierung vom Körper getrennt – dies wurde auf Röntgenbildern entdeckt, die ein Holzstück anstelle des Kopfes der Mumie zeigen. Haydns Schädel wurde hingegen kurz nach seinem Tod 1809 von Anhängern der Phrenologie, einer Pseudowissenschaft der Schädelvermessung, gestohlen. Die Diebe konnten so die Form seines Schädels analysieren und die Konturen vermessen, um Hinweise auf seine musikalische Begabung zu finden. Zu diesem Zweck blieb Haydns Kopf von seinem Körper getrennt, bis beides 1954 in sein Grab umgelagert wurde.


Mata Haris Leiche gelang in das Anatomiemuseum in Paris, nachdem sie 1917 während des Ersten Weltkrieges auf Grund von Hochverrat erschossen wurde. Ihre Leiche wurde für wissenschaftliche Studien in einer Sammlung von berüchtigten Kriminellen aufbewahrt – zu einer Zeit, als die Enthauptung von Leichen, auf die niemand Anspruch erhob, in der Phrenologie nach wie vor ein weit verbreitetes Phänomen war. Als das Museum jedoch geschlossen werden sollte, stellte sich heraus, dass der Kopf von Mata Hari verschwunden war. Sein Verbleib ist bis heute ein Rätsel. Dieses Rätsel gleicht dem Unvermögen der Geschichte, zu einer endgültigen Aussage über den Geist, der einst das Objekt mit Leben erfüllte, zu gelangen. Die Indizien lassen darauf schließen, dass die Tänzerin durch einen französischen Doppelagenten in ein abgekartetes Spiel innerhalb des Spionagenetzwerkes geriet.


Die Enthauptungen dieser Leichen bringen den paradoxen Fetisch derjenigen zum Ausdruck, die versuchen, die Gedanken, die die Köpfe einst füllten, zu analysieren. Es ist ein seltsames Paradox: Der Schädel wird zur Metapher für Gedanken – obgleich er von dem Körper getrennt ist, den er einst bestimmte. Was kann schließlich über Kriminalität gelernt werden, in dem man den körperlosen Schädel einer Spionin betrachtet? Wie kann die „musikalische Beule“ in Haydns Schädel lyrische Begabung erklären? Und was hat es mit der Leiche des Pharaos auf sich, die vollständig bleiben muss, wenn sein Geist die Grenzen des Jenseits überqueren soll? Das Messen, Studieren und Einbalsamieren sind Ausdruck einer Idee, die dem Bewusstsein jegliche geheimnisvolle Eigenschaften abschreibt und sich ganz den Instrumenten der Wissenschaft und deren Versuche, einen Gegenstand zu sezieren, widmet. Im Endeffekt wird jedoch eine bestimmte Logik veranschaulicht – die Messinstrumente werden austauschbar, sowohl in Bezug auf das Konzept, als auch auf den Akt des Messens selbst.